Freitag, 23. März 2007

The Band Which Would Save Rock'n*Roll: Arcade Fire in Stockholm


"Erinnert ihr euch daran, was Musik mal in euch ausgelöst hat? Unser neues Album wird euch dieses Gefühl zurückgeben," hat Richard Reed Perry, der Gitarrist von Arcade Fire gesagt.

So beginnt die Kritik in der aktuellen Ausgabe des britischen Musikmagazins Q, die der Scheibe "Neon Bible" mit selten vergebenen 5 Sternen die Höchstwertung "Q Classic" gibt und die Frage aufwirft, ob schon im Februar das Album des Jahres 2007 erschienen ist.

Dagens Nyheters Musikkritikerin Malena Rydell bemühte sich, Neon Bible einzuorden und kam lediglich zu dem Schluss, das dieses Album der Gegensatz zu warmem Pop sei. aber kalt ist das nicht, was aus Montreal kommt und Malena Rydell glaubt, etwas analysieren zu müssen, was der Analyse widersteht. Suizidal nennt sie "Funeral", das erste Album des Septetts, aber mir kommen beim Hören nicht im entferntesten morbide Gedanken.

Stefan Malmqvist, der für Svenska Dagbladet schreibt, ist da wesentlich eindeutiger: "Neon Bible ist ein Album, das anfangs verschlossen wirken kann, aber mit jedem Hören öffnet es sich ein wenig mehr. Es ist Arcade Fires eigenes Gefühl für das vom Schicksal bestimmte, ihr neurotischer Trieb und die, fast aber nicht ganz, süssen Melodien, die das Gebäude zusammenhalten."

Quetzala Blanco gab der Scheibe bei EXPRESSEN vier von fünf möglichen Wespen: "Neon Bible hat vor allem viele starke Melodien und eine unmöglich nicht zu bemerkende Ganzheit, die sich weltgewandt, zwischen David Bowie, Bruce Springsteen und indierockangehauchtem Gospel bewegt."

Als ich vom Konzert der Kanadier im ehrwürdigen Stockholmer Circus auf der Insel Djurgården Wind bekam, war es schon zu spät: "För närvarande helt uppbokat" hiess es lakonisch auf der Webseite des Ticketverkäufers Ticnet.

Also blieb mir nichts anderes übrig, als statt der ausgeschriebenen 310 Kronen einem sympathischen Schwarzmarkthändler, der 700 haben wollte, 650 Kronen in den Rachen zu werfen.

16. Reihe ganz oben ganz hinten im Konzertsaal mit einem trotz der relativ geringen Grösse des Saals maximalen Abstand zur Bühne. Nach dem Abgang der Vorgruppe Pause und ich geselle mich zu den Fans unmittelbar vor der Bühne, was dazu führt, dass meine Ohren 12 Stunden Erholung brauchen. Und natürlich denkt man darüber nach, dass man 650 Kronen ausgegeben hat, so viel kostete mich zuletzt Bruce Springsteen mit seiner Seeger Sessions Band im vergangenen Mai. Lohnt sich das? War das nicht zu viel?

Schnelles Fazit: Jede Krone hat sich gelohnt, dieses Konzert dieser grandiosen Band mitzuerleben. Einziger Wermutstropfen. Nach einer Stunde treten die zehn Musiker ab, kommen noch für zwei Zugaben zurück und verabschieden sich dann vom Stockholmer Publikum.

Was manche aber in zwei Stunden nicht zu leisten vermögen, das gelingt Arcade Fire in der relativ kurzen Spielzeit: Ein einzigartiges Konzert mit einer grandiosen Intensität hinzulegen, das keine Fragen mehr offen lässt, warum einer der grossen Fans der Formation Mr. David Bowie ist.

In atemberaubender Folge wechseln die sieben Kernmitglieder der Band die Positionen auf der Bühne. Frontmann Win Butler räumt die zentrale Position in der Mitte, legt den Bass an die Seite und widmet sich den Keyboards und seine Frau Régine Chassagne singt zwei Stücke, bevor sie Jeremy Gara immer wieder am Schlagzeug ablöst. Zum Einsatz kommen Megaphone, Akkordeon (Régine), Motorradhelme, zusätzliche Trommeln, halbakustische Slidegitarren und mehr. Und das ist keine Effekthascherei, sondern kennzeichnet eine Spielfreude, die ich seit langer, langer Zeit bei keiner Band mehr auf der Bühne erlebt habe.

Opener ist "Keep The Car Running" vom neuen Album und mit diesem Stück haben die Nordamerikaner das schwedische Publikum sofort im Griff. Régine Chassagne bezaubert mit ihrem Charme und ihrem grossen Vergnügen an der Arbeit, während ihr charismatischer Gatte Win Butler beklagt, dass er aufgrund einer Infektion Probleme hat, zu singen, aber er bringt die knapp 75 Minuten souverän hinter sich.

Es gibt eine Reihe von Schweden, die 1975 dabei waren, als Bruce Springsteen ein legendäres Konzert im Konserthuset am Hötorget gespielt hat. Die knapp 2.000, die heute Abend Arcade Fire erleben durften, haben eine Band gesehen und gehört, die noch viel von sich reden machen wird. Der Rolling Stone nannte den Boss aus New Jersey dereinst "The Man Who Would Save Rock'n'Roll". Arcade Fire beweisen 2007, dass Neil Young Recht hatte mit seiner Liedzeile "Hey, hey, my, my, Rock'n'Roll Will Never Die". Sie machen nichts ganz Neues, sondern stehen in einer grossen Tradition, aber dennoch klingen sie so ganz anders als viele der durchaus guten Bands dieses Jahrzehnts, eben so wie derzeit nur Arcade Fire klingt.

Noch enthusiastischer als der Mann an dieser Blogtastatur ist der Kollege vom schwedischsprachigen Kulturbloggen, der meint: "Gestern Abend spielten Arcade Fire im Circus in Stockholm und das war eines der besten Konzerte, auf denen ich je gewesen bin."

Traurige Nachricht zum Schluss: Win Butler sagte gestern schon, dass seine Stimme an einer Infektion leider und er sich alle Mühe gibt. Heute sagte die Band die folgenden neun Konzerte ab. Oslo (heute), Berlin, München und sechs weitere Orte sind gecancelled.

Mittwoch, 7. März 2007

Poprock aus Schweden 2: The Ark

Beim diesjährigen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest (der am Samstag mit dem großen Finale im Stockholmer Globen endet) sind sie die klaren Favoriten auf den Sieg mit ihrem Song "The Worrying Kind".

Die Band aus Växjö um den singenden Pfarrerssohn Ola Salo.

Den Namen gab Ola seiner Truppe weil er davon überzeugt war, dass die Welt sich dem unvermeidlichen Untergang nähern würde, vielleicht hat er ja sogar Recht, wenn man sich den aktuellen Zustand unseres Klimas anschaut... Retten kann man sich dann nur mit einer Arche wie der gute alte Noah.

The Ark.

Gemeinsam Musik machen die sechs Herren aus Småland seit Anfang der 90er Jahre. Kritiker sind immer schnell bei der Vergabe von Etiketten und eine Mehrheit von ihnen scheint sich auf die Schublade Glamour-Rock geeinigt zu haben. Der offen bisexuelle Ola Salo ist Ausdruck des Glamours, stark geschminkt, oft mit nacktem Oberkörper mit einer Federboa geschmückt, legt der bald 30-Jährige auf der Bühne ein beachtliches Laufpensum hin. Aber auch die Bühnenkostüme der anderen lassen an Kreativität und Exzentrik in der Regel nichts zu wünschen übrig. Wer jetzt immer noch nicht weiß, was Glamrock sein soll, dem seien Namen wie The Slade (70er), David Bowie (60er bis heute), Gary Glitter (70er) entgegengerufen. Auch Queen zählt gemeinhin zu den Glamrockern.

Die Teilnahme am Eurovision Song Contest ist natürlich unter den Fans der Band nicht unkontroversiell. Aber Ola Salo hat damit keine Probleme. "Falls wir letzter werden sollten, könnten wir auf unsere nächste CD ein Etikett mit der Aufschrift 'In der ersten Runde des ESC ausgeschieden' kleben, so wie das Magnus Uggla schon einmal gemacht hat."

Befragt nach seinen Lieblingssongs aus diesem Kontext kommt die teils überraschende Auskunft:

"Ein bisschen Frieden" von Nicole, A-Ba-Ni-Bi und Hallelujah aus Israel und Ding-A-Dong aus Holland. Ich mag Schlager und insgesamt gibt es eine Menge toller Stücke."

Über die Grenzen von Schweden hinaus hat die Band Fans in Europa, Asien und Amerika, allerdings eher in relativ bescheidenem Umfang. Der deutsche Markt ist wichtig wie für alle europäischen Künstler und in Deutschland haben The Ark immer wieder ihre Zelte aufgeschlagen.

Ein interessantes Interview auf Deutsch gibt es bei Soundmag.

Und hier das Video zur Band, um auch einen optischen und akustischen Eindruck zu bekommen, falls ihr die Archenbewohner noch gar nicht kennen solltet. Ein Ohrwurm von ihrem ersten Album "We Are The Ark" (2000):

It Takes A Fool To Remain Sane

Donnerstag, 1. März 2007

Snow Patrol: Chasing Cars

Wenn ich unterwegs bin, höre ich Musik auf meinem schwedisch-japanischen Mobiltelefon, das vermutlich in China hergestellt wurde.

Klarer Favorit unter all dem Gigabyte-Musikmaterial ist zur Zeit:

Snow Patrol mit dem Song "Chasing Cars" von ihrem Album "Eyes Open" (2006). Das Lied kommt auch im Soundtrack der amerikanischen TV-Serie "Grey's Anatomy" vor.

Sänger und Songwriter Gary Lightbody stammt aus Belfast.